Innovation und Leidenschaft
Schließung

Dr. László Acsády

Geboren 1966 in Budapest. Biologe, Hirnforscher, Doktor der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Leiter der Thalamus-Forschungsgruppe am Forschungsinstitut für Experimentelle Medizin, Budapest. Biologiediplom 1991, 1996 Promotion an der Eötvös Loránd Universität. Zu Beginn seiner Karriere erforschte er die für die Ausbildung des Erinnerungsvermögens zuständigen Gehirnareale, die Vernetzungen des Hippocampus. Zurzeit beschäftigen sich seine Forschungen mit dem Zusammenspiel der Großhirnrinde und des Thalamus, den Nervensystemprozessen der Wahrnehmung, des Bewusstseins sowie des Schlafs. Acsády ist Autor wissenschaftlicher Schriften und hält regelmäßig Vorträge zu seinen Forschungen. Seine Arbeit wurde 2010 mit dem Charles Simonyi Forschungsstipendium honoriert.

Der Ursprung

des innovativen Geistes

Hirnforscher auf den Spuren der Innovation

Eine der wichtigsten Tätigkeiten des Menschen ist die Innovation, sie ist die Basis jeder gesellschaftlichen Errungenschaft, jedes Kunstwerks, jeder technischen Erfindung. Doch woher schöpfen wir die Grundidee, den Grundgedanken der Innovation? Auch wenn sie ein bewusst gesteuerter Prozess ist, so ist dem ungarischen Hirnforscher László Acsády zufolge die Geburt der Idee selbst oft ein zufälliges, mit Geräten kaum hervorzurufendes Ereignis.

Der Kreation, der Innovation liegt die komplexeste und verflochtenste Hirnaktivität zugrunde.

         

An der Wand hängen Zeichnungen von Hirnwindungen, wissenschaftliche Plakate mit lateinischer und englischer Beschriftung. Wir spazieren einen stillen Flur im Forschungsinstitut für Experimentelle Medizin entlang, von dem einige der Türen zu den Büros der weltweit anerkanntesten Hirnforscher führen. Man kann sich kaum vorstellen, was diese Wissenschaftler schon alles über unser Gehirn herausgefunden haben: Der Hirnstoffwechsel, die Hirnareale sowie die Kommunikation der Zellen sind bekannte Gebiete. Doch wissen sie auch, welche Hirnprozesse innovative Gedanken hervorbringen, die die erfolgreichsten Menschen und Gemeinschaften ausmachen? Darüber denken wir nach, während Dr. László Acsády, Leiter der Thalamus-Forschungsgruppe, uns zu seinem Büro führt. Der Neurowissenschaftler verbringt den Großteil seiner Zeit zwischen Mikroskopen und anderen optischen Einrichtungen mit der Erforschung des biologischen Hintergrundes von Bewusstsein und Schlaf.

Falsche Analogien

„Die Geburt eines innovativen Gedankens ist eine durchaus raffinierte Erscheinung. Jede der 100 Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn kann mit bis zu 10.000 Nervenzellen in Verbindung treten. Es gibt keinen Supercomputer, der über ähnliche Kapazitäten verfügte – und gerade das macht die Forschung so unglaublich kompliziert“, erklärt László Acsády. Auch wenn wir im Alltag viel über innovatives Denken hören, lesen und nachsinnen, funktioniert unser Gehirn nicht so wie gemeinhin vermutet. Wir neigen dazu, uns unser Gehirn wie eine Art Computer vorzustellen: ein komplexer Mechanismus, in dem jede einzelne Einheit ihre vorgesehene Aufgabe hat und in dem jede kleinste Einheit auf jeden Impuls gleich reagiert.

Forscher haben diese Analogie zwischen dem Gehirn eines Menschen und dem von Menschen geschaffenen Mechanismus jedoch schon längst dementiert.
Auch wenn es Hirnareale gibt, die Grundgefühle wie Traurigkeit, Fröhlichkeit, Freude und Wut anzeigen, so ist ihre Funktion doch außerordentlich komplex. Beispielsweise ist die Region für Traurigkeit auch an der Angstreaktion beteiligt. Tatsächlich sind zahlreiche Bereiche des Gehirns bei der Entwicklung von Gefühlen und Gedanken aktiv. Aus diesem Grund kann man weder der Traurigkeit, noch der Freude, noch dem innovativen Denken eine gesonderte Hirnregion zuschreiben, so Dr. Acsády.
Doch wie sieht es mit den einzelnen „Bauteilen“, das heißt den Nervenzellen aus?

Nun, im Gegensatz zu einem Computerchip ist die Funktion der Nervenzellen ziemlich unvorhersehbar. Die Zellen sind nicht identisch, eine gegebene Zelle kann auf ein und denselben Impuls ganz anders als andere reagieren. Man könnte sagen, jede Nervenzelle lebt ihr eigenes Leben und spürt auch noch die Aktivität der anderen sie umgebenden Zellen. Eben deshalb ist nach heutigem Stand der Forschung die Geburt einer neuen Idee zufällig, ein Wunder sozusagen. So ist im Verständnis des Forschers der Prozess der Innovation nichts anderes, als dass der Mensch mit bewusstem Experimentieren und Forschen die Wahrscheinlichkeit dieser Hirnprozesse erhöht.

Folge der Veränderung!

Nach Einsteins Tod untersuchten Wissenschaftler genauestens sein Gehirn, um den Ursprung der Genialität zu erforschen. Zwar fanden sie gewisse Abweichungen in einigen Hirnarealen des Physikergenies, doch die Analyse des leblosen Gehirns hat letztlich nicht Beweiskraft genug für das Verständnis des innovativen Denkens. Die wichtigsten Hinweise für einen Hirnforscher bieten nämlich gerade die Hirnaktivitäten. Er verfolgt die Veränderungen der Prozesse im Gehirn, denn darin zeigt sich die wichtigste Tätigkeit der Nervenzellen: die Verknüpfung.

„Eine neue Information wird verankert, indem zwischen gewissen Zellen eine Verbindung entsteht oder sich die Stärke einer älteren Verknüpfung ändert. Wenn uns etwas ‚einfällt‘, wir eine Idee haben, dann erstellen wir die Verbindung zwischen zwei oder mehr bis dahin unabhängig voneinander funktionierenden Nervennetzen. Es entsteht ein neues Aktivitätsmuster, welches sogar bleibend ist: Es kann sich über einen Erinnerungsprozess verfestigen, und so können wir uns am nächsten Tag oder sogar noch

Jahre später daran erinnern“, erklärt der Hirnforscher mit Verweis auf einen konkreten Versuch.

Im Rahmen eines Experiments wurde die Gehirnaktivität von Musikern während unterschiedlicher musischer Aktivitäten untersucht: Die Probanden spielten auf Instrumenten, sangen, improvisierten und komponierten, während Forscher ihre Hirnfunktion beobachteten. Es stellte sich heraus, dass das Gehirn der Testpersonen die größte synchrone Aktivität eindeutig während des Komponierens zeigte, es entstanden die kompliziertesten Verknüpfungsmuster. Der Kreation, der Innovation liegt demzufolge die komplexeste und verflochtenste Hirnaktivität zugrunde.
Zahlreiche Forschungen haben erwiesen, dass der Schlaf eine zentrale Rolle in Lern- und Schöpfungsprozessen sowie für die Regeneration des Gehirns spielt. Wenn aufgrund von Stress oder Sorgen der Schlafrhythmus gestört wird, so lassen auch die Kreativität, die Konzentrationsfähigkeit und das Erinnerungsvermögen nach – gerade die drei für geistige Arbeit höchst wichtigen Elemente.

Forscher unterschiedlichster Kulturen bereichern sich gegenseitig stets mit neuen Sichtweisen. So kann man bei wirklich komplexen Problemen einen Durchbruch erzielen.

Wie innovativ ist die Nation?

Allgemein verbreiteten Meinungen zufolge verteilen sich einzelne Talenttypen nicht gleichmäßig auf Nationen oder gesellschaftliche Gruppen, es kann also „mathematische Nationen“, „musische Nationen“ oder eben „Ingenieurnationen“ geben. Die Ungarn halten sich zum Beispiel für innovativ und geistreich, während sie die Deutschen wiederum als präzise, die Amerikaner als geschäftstüchtig beschreiben würden. Dr. Acsády sieht die Lage nicht ganz so eindeutig. Seiner Meinung nach hängt es vielmehr von dem entsprechenden Erfahrungs- und Wissensschatz eines Landes ab, in welchen wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereichen überragende Ergebnisse erzielt werden können. Und man muss hier nicht gleich an riesige Forschungsinstitute denken. Ungarn ist vor allem darum zu einem bedeutenden Hirnforschungszentrum geworden, weil zwei große Wissenschaftler – János Szentágothai und Endre Grastyán – den Kern des Wissens gesät haben, so Acsády. Sie experimentierten, bildeten die jungen Forscher aus und begründeten eine institutionelle Tradition, die durch Geld schwer zu ersetzen ist.
Auch wenn László Acsády zu der Frage, ob die Ungarn innovativer als andere Nationen seien, keine

Stellung bezieht, so verrät er doch, wie das Land zu noch mehr Erneuerern kommen könnte: „Die Investition in die Bildung ist unglaublich wichtig. Die entsprechenden Wissenschaftsinstitute, die entsprechenden Werkstätten spielen eine Hauptrolle, sowohl für Wissenschaftler als auch für Ingenieure. Wenn wir für junge, talentierte Menschen nicht die Möglichkeit fachlicher Entwicklung bieten, werden sie versuchen, woanders glücklich zu werden, und bringen ihr Wissen andernorts ein. Wenn zum Beispiel die schon genannten Forscher in einem anderen Land gearbeitet hätten, würde Ungarn wohl kaum in der Neurowissenschaft Erwähnung finden.“
Zugleich erkennt die Hirnforschung an, dass es Mentalitätsunterschiede zwischen einzelnen Nationen gibt. Denn die Kultur hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere geistige Entwicklung, in deren Verlauf das Gehirn „Straßen“ zwischen den Gedankengängen und Zellen baut. So hat die Denkart der uns umgebenden Menschen einen Einfluss darauf, wie wir als Erwachsene an die Lösung eines Problems herangehen, auf welche Impulse wir reagieren. Darauf basierend könnten wir auch von einer ungarischen, deutschen, amerikanischen oder eben japanischen Denkart sprechen.

Zurück

Die Innovation lässt sich von zwei Seiten betrachten, sie hängt ebenso von der kühnen (und bisweilen naiven) Vorstellung wie von der rationalen, konsequenten Durchführung ab.

Die Denkart weist einen Weg, doch schränkt sie auch ein, denn wir brechen nur schwer aus ihr aus. Wir möchten alle Probleme auf die gleiche Art und Weise lösen. „Aus diesem Grund muss ein Forscher viel reisen“, erklärt Dr. Acsády. „Die Forscher unterschiedlichster Kulturen bereichern sich gegenseitig stets mit neuen Sichtweisen. So kann man bei wirklich komplexen Problemen einen Durchbruch erzielen.“ Eine andere, großartige Eigenschaft unseres Gehirns ist Flexibilität. „Das Gehirn bleibt das ganze Leben lang plastisch, formbar. Wir können unsere Denkweise auch im Altern noch ändern und umformen“, so der Forscher.

Das Abenteuer des Erkennens

Die Innovation lässt sich von zwei Seiten betrachten, sie hängt ebenso von der kühnen (und bisweilen naiven) Vorstellung wie von der rationalen, konsequenten Durchführung ab. Zur menschlichen Fantasie gehört auch immer der nicht zu unterdrückende Drang nach Verständnis. Ob wir wohl jemals den Ursprung der Innovation, der Schaffensfantasie entdecken werden? Sicher stellt sich László Acsády zwischen Mikroskopen und Elektroden oft diese Frage. Es wäre auch schwer, sie zu umgehen, wenn man sein Leben diesem historischen Abenteuer verschrieben hat, in dem das Gehirn sich selbst erkennt.

Jahresbericht 2012 - Audi Hungaria Motor Kft. Audi Hungaria Motor Kft.