Geist und Respekt
Schließung

Gedanken zu einem sinnhaften Leben

Mihály Csíkszentmihályi

Vollständig aufgehen in unserer Tätigkeit. Spüren, dass wir unser Schicksal mit starker, sicherer Hand lenken. Aus einzelnen Momenten Glück schöpfen, auch unabhängig vom Gesamtergebnis. All das lässt sich mit einem einzigen Wort ausdrücken: dem Flow. Um den „Flow-Zustand“ zu beschreiben, werden auch viele andere Begriffe verwendet: mitunter liegen das „optimale Erlebnis“, der „Zustand höchster Eingebung“ und die „perfekte Konzentration“ am ehesten auf der Hand. Doch wie wir es auch immer bezeichnen wollen, das Flow-Erlebnis ist unbedingt mit den wertvollsten Momenten unseres Lebens verbunden.

Gleichgewicht zwischen unseren Fähigkeiten und den Anforderungen. Ist eine Aufgabe zu einfach oder zu schwierig, kommt der FLOW nicht zustande. Die Fertigkeiten und Aufgaben müssen sich auf einem hohen Niveau begegnen.

Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein (Während der Aktion sind sowohl Routine als auch Spontaneität im Einsatz)

Eindeutige Ziele: was möchte ich erreichen?

Klare, verständliche und wenn möglich unmittelbare Rückmeldung auf das Ergebnis unserer Taten.

Volle Konzentration während der Handlung. Das Erlebnis des FLOW ist der Zustand der Bündelung der Aufmerksamkeit. Meditation, Joga, die Alexander Technik und Kampfsportarten können unsere FLOW-Fähigkeit verbessern

Kontrolle – ohne versuchen zu kontrollieren

Vertiefung (wir werden eins mit der Handlung)

Aufhebung des Zeitempfi ndens: man hat das Gefühl, die Zeit sei verzerrt (die verstrichene Zeit wird als viel länger oder viel kürzer empfunden als die tatsächliche Dauer der Handlung)

Ein inneres, aus einem selbst heraus entstehendes Erlebnis (als Ergebnis des oben Genannten)

Prof. Dr. Mihály Csíkszentmihályi
Psychologe, Schriftsteller


Der 1934 in Fiume (heute Rijeka) geborene Mihály Csíkszentmihályi emigrierte im Alter von 22 Jahren in die USA, um dort Psychologie zu studieren. Er schloss sein Diplom und sein Doktorexamen an der University of Chicago ab, wo er später den Lehrstuhl für Psychologie leitete. Der Professor suchte neue Richtungen der Psychologie und beschrieb 1975 mit wissenschaftlicher Genauigkeit das Flow-Erleben, das heißt den Schaffensrausch und seine psychologische Wirkung. Als bekanntester Wissenschaftler dieses Fachgebiets hat er zehn Bücher publiziert, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden (darunter auch Deutsch und Ungarisch). Der weltberühmte Forscher ist unter anderem Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. 2009 erhielt er den Clifton Strengths Prize und 2011 für seine wissenschaftliche Arbeit die bedeutendste staatliche Anerkennung Ungarns, den Széchenyi-Preis. Zurzeit lebt Csíkszentmihályi in Kalifornien, seine Söhne Mark und Christopher lehren ebenfalls an bekannten amerikanischen Universitäten.

Eine Frage über Allem

Gemessen an der Erfahrung meiner Generation hatte ich eine typisch ungarische Kindheit des 20. Jahrhunderts. Schwierig und geheimnisvoll. Europäisch. Doch die Fragen, die mich als Kind beschäftigten, haben auch heute noch Gültigkeit: Wieso fällt es uns Menschen so schwer, zu einem glücklichen, gerechten, sinnvollen Leben zu finden? Selbst heute, als erfahrener Mensch, nachdem ich zahlreiche Psychologievorlesungen an den besten Universitäten der Welt besuchte und auch hielt, kann ich diese Frage immer noch nicht beantworten.

Der Existenz Sinn verleihen

Das Universum ist allem Anschein nach nicht nach unseren Bedürfnissen entstanden und besteht vor allem nicht nur aus lauter schönen, angenehmen Dingen, die unserem Glück zuträglich sind.
Und dennoch werden wir Menschen mit einem Gehirn geboren, das mit fortschreitender Evolution reihum derartige Fragen stellt, wie „Warum leben wir?“, „Wie ist das Universum entstanden?“ und „Was geschieht mit meinem Bewusstsein, wenn ich sterbe?“.

Nach der Erkenntnis, dass die Welt rau und gefühllos ist, begann unser Gehirn nach der Ordnung, der Berechenbarkeit und den Sinn zu suchen.

Antworten blieben allerdings aus (und daran ist auch nichts Überraschendes) bzw. waren die entdeckten Erklärungen nicht zufriedenstellend. Daher muss jede menschliche Gemeinschaft ein gemeinsames Begriffs- und Wertesystem aufstellen, das der beängstigenden Trostlosigkeit des Kosmos mildert. Zur historischen Rolle der Religion gehörte es also auch, Menschen zu Mitgliedern eines sinnhaften nationalen Gefüges zu machen. Damit haben also die Religionen den Menschen mit dem großen Ereignis der Schöpfung verbunden.

In den letzten Jahrhunderten kamen neue Form der Sinnsuche auf: Ideologien, die auf dem Fortschritt oder gerade auf bestimmten politischen Idealen basieren. Waren sie gescheitert, blieb uns immer noch die Überzeugung, dank dem Komfort und der materiellen Güter ein sinnerfülltes und glückliches Leben führen können.

Nach aktuellem Stand der Psychologie verbessern diese Faktoren tatsächlich unsere Lebensqualität: materieller Wohlstand hilft sehr, jedoch nur in der Übergangsphase von der Armut bis zum ansehnlichen Wohlstand. Ist dieser erreicht, haben Geld und Besitzanhäufung nur noch geringen Einfluss auf das Glück des Einzelnen. Fakt ist ebenfalls, dass Einwohner von Ländern mit einem stabilen politischen, Wirtschafts- und Sozialsystem glücklicher sind die von Ländern, wo Kriege und innere Konflikte wüten. Zudem zeigt sich immer wieder, dass menschliche Beziehungen (Freunde, Familie, andere soziale Bindungen) äußerst wichtige Faktoren für das Glück des Einzelnen darstellen.

All dies reicht jedoch noch nicht für ein mehr oder minder glückliches Leben aus. Meine Forschungsarbeit konzentriert sich vor allem auf ein Gebiet, das die Psychologen in der Vergangenheit oft außer Acht ließen. Und das ist nichts anderes als das Gefühl, das wir erleben, als wir uns vollständig einer Tätigkeit hingeben, die in perfektem Einklang mit unseren physischen und mentalen Fähigkeiten oder gerade unserer künstlerischen Sensibilität steht.

Das Erkennen des Flows

Beim Studium junger bildender Künstler habe ich beobachtet, dass die Kunstschaffenden in der Lage waren, Tage vor dem gerade entstehenden Gemälde zu verbringen, ohne zu essen oder sich auszuruhen. Doch sobald das Gemälde vollendet war, lehnten sie es an die Wand und würdigten es kaum eines Blickes. Sie machten sich lieber begierig daran, ein weiteres Bild zu malen. Es ist eindeutig, dass diese jungen Menschen nicht vom Fieber gepackt waren, ein Bild fertig zu stellen – sie suchten nach dem Erlebnis selbst, was ihnen das Malen neuer und neuer Bilder bedeutet hat.
Über viele Jahre konnte ich zahlreiche kreative Menschen beobachten. Ich kam zu dem Schluss, dass jeder Mensch, der etwas Neues erschafft – sei er Komponist, rekordverdächtiger Athlet, Dichter oder Unternehmer –, während seiner Arbeit den gleichen Zustand durchlebt, und dass dieser Zustand so gut tut, dass er nicht genug davon bekommt. Man könnte es auch eine Art Abhängigkeit nennen – doch während die durch Drogen verursachte Abhängigkeit mit der Einnahme von Chemikalien verbunden ist und nur Apathie hinterlässt, basiert diese andere Art von Abhängigkeit auf den Taten des Einzelnen und führt immer zu Wertschöpfung. Ich habe dieses Erlebnis „Flow“ („Strömung“) genannt – abgeleitet aus dem englischen Begriff für „strömen“ oder „fließen“, und zwar weil viele es mit einer starken Strömung vergleichen, auf dem wir ohne besondere Kraftanstrengung mitgerissen werden können – auch dann, wenn wir uns mit komplexen Aufgaben beschäftigen, Schach spielen oder einen mathematischen Satz zu beweisen versuchen.

Flow im Alltag

Und tatsächlich ist das Flow-Erlebnis ein sehr wichtiges Element unseres Daseins, auf dem unser Glück basieren kann. Doch ist der Flow nur ein Privileg der Künstler? Nach einigen Jahrzehnten Forschung kann ich mit gewissheit behaupten, dass jeder den Flow erleben kann – sei es bei Familienzusammenkünften, im Freundeskreis, beim Lesen eines guten Buches, in der Schule oder am Arbeitsplatz.
Tolstoi gibt in „Anna Karenina“ eine bildhafte Beschreibung der Bauern, die auf dem EBsitz von Annas Gatten ernten und ihre Sensen so schwingen, als tanzten sie – das ist die bildhafteste literarische Darstellung des Flow-Erlebens.
Arbeit und Freunde bieten natürlich nur selten die Möglichkeit für das Flow-Erleben. Tolstoi beschreibt ein Ideal, das wohl sehr selten zur Wirklichkeit wird. Heute, 150 Jahre später, ist die Arbeit der meisten Menschen weit entfernt von Tolstois Idealbild, dem sich im Kornfeld schwingenden Landwirt.
Allerdings haben wir ebenso nachgewiesen, dass auch Menschen, die einer ungesunden und monotonen Arbeit nachgehen, fähig sind (wenn auch nur gedanklich),

ihre Arbeitsbedingungen zu verändern und dadurch den Flow zu erleben – trotz aller äußeren Hindernisse.
Der Flow scheint eine Antwortreaktion auf das Leben zu sein, die sich entwickelte, um das Leben angenehmer und die Zukunft interessanter und komplexer werden zu lassen. Jedes Lebewesen entwickelt eigene neurologische Antworten auf die Dinge, die zum Überleben notwendig sind – jedes Lebewesen hat Freude am Essen, Trinken oder gar dem Sex. Wenn dem nicht so wäre, wären die Arten schon längst ausgestorben. Doch wir Menschen brauchen mit unserem großen Hirnvolumen mehr als das. Wir brauchen das Gefühl, dass unser Leben etwas zählt, dass unsere Taten Folgen haben – und das Flow-Erleben ist ein Prozess, der uns dazu anspornt, tatkräftig zu bleiben, Risiken einzugehen und neue Möglichkeiten zu entdecken.
Die Zukunft gehört denjenigen, die in der Lage sind, den Flow in ihrer Familie, ihrer Arbeit und ihrer unmittelbaren Umgebung zu erleben. Sie bauen die Zukunft: Eine Welt, in der es um das Gestalten geht.

Mihály Csíkszentmihályis Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. In seinem letzten Buch „Flow. Das Geheimnis des Glücks“ fasst der Professor die wissenschaftlichen Beobachtungen bezüglich des Flows in einer allgemein verständlichen Sprache zusammen und bezieht die wichtigsten Schlussfolgerungen auf alltägliche Kontexte. Das Buch ist sowohl in Deutschland als auch in Ungarn sehr erfolgreich.

Zurück
Jahresbericht 2012 - Audi Hungaria Motor Kft. Audi Hungaria Motor Kft.